Das urbane Fahrradmagazin

Bike Citizens Guide to Graz

Wer? Wo? Wann? Wie? – Keine Panik! Einfach weiterlesen, hier steht praktisch alles, was es über das Radfahren in Graz zu wissen gibt.

Image © Bike Citizens

Aperitif – Graz allgemein

Graz – Ursprungsstadt der Bike Citizens. Natürlich möchten wir unsere „Bike Citizens Guide to  …“-Serie hier beginnen. Im Herzen der Steiermark, im südlichen Österreich gelegen, knapp 270.000 Einwohner, relativ flach, wenig Wind: eigentlich eine ideale Radlerstadt. Perfekt auch für Schönwetterradler, denn selbst im Winter haben wir hier kaum Schnee. (Was die Schneeradler nicht freuen dürfte. Falls es die gibt.) Jedenfalls gibt es wenig Ausreden, in Graz nicht mit dem Rad zu fahren.

Touristischer Geheimtipp, Kulturhauptstadt Europas 2003, angebliche Menschenrechtsstadt und „Verbotsstadt“. Von den regionalen Gratisblättern liebevoll zur „Murmetropole“ gekürt, ist Graz tatsächlich eine nette mittelgroße Stadt mit 45.000 Studenten, vielen Pensionisten und einer lebendigen Gastgartenkultur.

Graz verfügt über eine lebendige Fahrradkultur und -szene. Viel passiert hier – man muss nur wissen, wo man darüber erfahren kann. Neben Internetportalen und social media geht in Graz auch einiges – bewusst – noch analog. Da ist es gut, wenn man Orte kennt, wo sich die lokale Fahrrad-Community trifft.

Was die Fahrradinfrastruktur – abgesehen vom Radwegenetz und der Verkehrssituation – betrifft, hat sich in den letzten Jahren schon so einiges getan. Wer Lastenfahrradverleihe, sozioökonomische Werkstätten und Radrestauratoren in Graz sucht, wird fündig werden. Das Grazer Radwegenetz ist sicherlich besser als in vielen anderen Städten. Aber auch Graz kann „tricky“ sein und viele Lösungen sind österreichisch (sprich: halbgar).

Fahrrad-Community Locations

Wo kann die geneigte Radlerin neue Radenthusiasten treffen, über Veranstaltungen informiert werden oder sich Tipps und Tricks fürs Rad geben lassen? Zurzeit gibt es in Graz zwei Orte, an denen man sich besonders viele Infos zum Radfahren in Graz holen kann: Eine alteingesessene Institution und ein neues, ambitioniertes Projekt.

Die Fahrradküche Graz  – zärtlich FaKü genannt – ist ein idealer Anknüpfungspunkt für Fahrradinteressierte. Hier kann man unter fachmenschlicher Aufsicht sein Fahrrad selbst reparieren, zerlegen oder modifizieren. Alles was man sich (nicht einmal mehr) vorstellen kann, wird hier gemacht. Unregelmäßig gibt’s hier auch Workshops – beispielsweise zum Schweißen oder zum Einspeichen von Radnaben. Beim Reparieren und Basteln kommt man auch leicht ins Gespräch, und in der Fahrradküche gibt’s immer jemanden, der Tipps zu Veranstaltungen geben kann. Die FaKü befindet sich in der Schießstadtgasse 40, hat jeden Donnerstag ab 17 Uhr geöffnet und schließt dann auch mal wieder.

Im Frühjahr 2015 hat in Graz ein neues Bike-Café eröffnet. Das Culture Exchange ist, wie die große Schwester aus Novi Sad,  ein offener Raum urbaner Fahrradkultur. Es ist ein Platz für allerhand Verschiedenes. So ist es ein Restaurant, ein Café, eine Galerie und Bibliothek, ein Ort für Workshops, Musik und Events. Neben Fahrradverkauf und Entlehnung soll auch hier eine Bike-Kitchen entstehen, die täglich geöffnet hat. Auch der Grazer Fahrradbotendienst Veloblitz hat hier eine neue Unterkunft gefunden. Das Culture Exchange ist in der Grazbachgasse 47 daheim.

Fahrrad-Community in Graz_Radfahren in Graz

Image © Bike Citizens

Fahrrad-Community-Aktivitäten

Ein Community-Fixtermin im Monat ist die Grazer Critical-Mass. Jeden letzten Freitag im Monat trifft man sich um 16:30 am Südtirolerplatz beim Kunsthaus. Ab 17:00 geht’s dann los und man fährt ein paar Stunden auf willkürlich gewählten Routen durch Graz. Am Ende der CM werden hin und wieder auch kleinere Events veranstaltet. So gab es im Sommer schon Tallbike Jousting, Maroni braten im Herbst oder Radfilmabende im Winter. Monatliche Infos kann man sich auf der Facebookseite der CM Graz holen.

Zu den Alteingessesen Treffen zählt außerdem der RadlerInnen-Stammtisch der Radlobby ARGUS Steiermark, der jeden 2., 3. und 4. Dienstag ab 19.00 Uhr im Mohrenwirt (Mariahilferstraße 16), dem ältesten Lokal in der Stadt, stattfindet. Hier tauschen Interessierte in gemütlicher Atmosphäre Erfahrungen aus und wälzen Pläne für Kampagnen und zur Verbesserung der Radverkehrsinfrastruktur. Die Radlobby ARGUS als Teil der Radlobby Österreich ist das Sprachrohr für AlltagsradfahrerInnen.  Regelmäßig im Frühjahr und im Herbst organisieren sie (gemeinsam mit Polizei und “Bicycle”)  “Licht+Technik”-Checks, um die Fahrräder auf den Straßen wieder auf Vorderman zu bringen.

Das Altbaukriterium, ins Leben gerufen von Muchar, ist ein Radrennen durch Altbauwohnungen. Mittlerweile wird es in mehreren Ländern veranstaltet, hat aber seinen Ursprung in Graz. Bereits seit 2010 gibt’s in Graz regelmäßig Rennen inklusive Worldcup.

Auch bei einem Goldsprint, der regelmäßig vom Styrian Sprint Shop, den Fahrradbotendienst Pink Pedals oder Bike Citizens durchgeführt wird, sollte man einmal dabei gewesen sein.

Wer es noch nicht kennt und noch nie probiert hat, der sollte unbedingt mal beim Grazer Bike-Polo vorbeischauen. Sie spielen immer Dienstags ab 17h, Sonntags ab 15h und meist auch Samstags um 15h am Sportplatz in der Engelgasse. Mit Rädern und selbstgebastelten Polo-Sticks wird versucht, den Ball ins Tor zu bringen. Im Sommer im Freien und in der kälteren Jahreszeit im Jugendzentrum Explosiv jeden Dienstag von 20 bis 22 Uhr.

Einmal im Jahr radelt die Grazer Bike-Szene nach Maribor: Grazibor nennt sich das Ganze und wurde im Rahmen der Kulturhauptstadt Maribor im Jahr 2012 ins Leben gerufen. Was als einmalige Sache geplant war, wurde mittlerweile zum Fixpunkt. Jeden Jänner geht es unter neuem Motto nach Maribor.

Angeblich soll es in Graz auch Alleycats geben. Man munkelt, dass im Dunstkreis von Fahrradboten Informationen über diese mysteriösen Veranstaltungen weitergegeben werden.

Fahrradreparatur und Fahrradwerkstätten

Neben der Fahrradküche und der Bike Kitchen, wo man sein Rad gratis oder gegen eine kleine Spende reparieren kann, bieten auch zahlreiche Werkstätten und Radshops Reparaturen an. Hier die wichtigsten Adressen:

Bicycle ist ein sozialökonomischer Betrieb, der bereits seit 1989 Arbeit und Qualifizierungen für Jugendliche anbietet und sich gleichzeitig für nachhaltige Stadtentwicklung einsetzt. Zu finden ist das Bicycle in der Rechbauerstraße 57 und in der Körösistraße 5.

Auch das Rebikel  in der Keplerstraße 55 ist ein „social business“ – hier setzt man noch mehr auf Wiederverwendung und Wiederverwertung, wie der Name schon nahelegt. Räder, die ansonsten verschrottet worden wären, werden hier hergerichtet und wieder verkauft. Dementsprechend kann man hier auch gebrauchte und nicht nur neue Ersatzteile kaufen.

Etwas versteckt hinter der Zentrale des Grazer Radbotendienstes Pink Pedals in der Griesgasse  24 befindet sich die Werkstatt „Lemur – Bike and Bones“.

In der Radlerei in der  Kopernikusgasse 27 wo alte Fahrräder zu neuem Glanz gebracht werden, kann man auch sein Fahrrad reparieren lassen.

Die Radwerkstatt Muchar Upcycles ist besonders wegen dem Upcycles-Prinzip beliebt. Egal in welchem Zustand sich dein altes Lieblingsrad befindet, es wird repariert, restauriert upcycled und glänzt danach als Unikat.

Weitere Adressen für Fahrradreparaturen sind u.a. der alteingessene Betrieb Radsport Vychodil (seit 1955) in der Elisabethinergasse 15, Drahtesel Graz in der Schönaugasse 43 oder Heels on Wheels in der Wickenburggasse 7, die sich auf Damenfahrräder spezialisiert haben.

Radfahren in Graz

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Fahrradverleih in Graz, Lastenräder und Botendienste

Grazbike.at ist eine Plattform, die die meisten Verleihstellen für alle verschiedenen Arten von Rädern bündelt. Die einheitlichen Räder können an allen 14 Verleihstellen ausgeborgt und wieder zurückgegeben werden. Zehn Euro zahlt man hier für das Ausleihen eines Citybikes für 24 Stunden.

Bei Rebikel gibt’s zudem ein Spezialarrangement für Studenten. Hier kann man Räder semesterweise kaufen, die bei gutem Erhalt um 50 % des Kaufpreises zurückgekauft werden.

Wer zum Siedeln oder für größere Einkäufe ein Lastenrad benötigt, ist bei Das Lastenrad gut aufgehoben. Einfach anmelden und am Online-Kalender eintragen, und schon kann das E-Lastenrad gratis ausgeborgt werden. Ähnlich auch der Lastenfahrrad-Verleih der FGM und der ÖH Graz: Nur ein Formular ausfüllen und 30 Euro Kaution hinterlegen, und dann kann es schon losgehen.

Wer Kinder hat und nur hin und wieder mit dem Rad unterwegs ist, sei auf den Kinderanhängerverleih der Grazer Grünen verwiesen. Gegen eine Kaution von 100 Euro kann man sich den Anhänger bei der Filiale Körösistraße 5 des Vereins Bicycle abholen.

Schnell mal ein Paket von A nach B – die Fahrradbotendienste Pink Pedals und Veloblitz flitzen mit der Abholung durch die Stadt.

Radwegenetz und Radrouten in Graz

Insgesamt  ist die Verkehrssituation für das alltägliche Radfahren in Graz in Ordnung. Es gibt aber immer noch eine Menge zu tun. Fälle wie der Radweg in der Grazbachgasse – eben eine dieser österreichischen Lösungen – zeigen, dass es gerade im planerischen und baulichen Bereich Aufholbedarf gibt. Hier verläuft der Radweg zwischen Jakominigasse und Klosterwiesgasse am Gehsteig, während Autos auf zwei Spuren fahren und noch eine Reihe Parkplätze da wäre.

Die Hauptadern: Murradweg und Eggenbergerstraße
Aus Radfahrerperspektive kann man sich die Stadt auf zwei Hauptachsen vorstellen. Diese zwei Hauptachsen sind die Nord-Süd und die Ost-West verlaufenden Radwege.

Die schnellste Nord-Süd-Verbindung ist zweifelsohne der Murradweg. Mit wenigen Ampeln kommt man hier zügig voran. Achtung ist jedoch geboten, denn leider ist auch dieser Radweg in vielen Abschnitten ein mit Fußgängern geteilter Weg. Besonders zwischen der Hauptbrücke und der Keplerbrücke kann es eng am Murradweg werden, denn hier sind viele Fußgänger unterwegs. Zudem ist dies die Hauptstrecke der Rad-Pendler aus dem Grazer Norden.

Die Hauptader von West nach Ost verläuft über die Eggenbergerstraße – mit großzügigem Rad- und Fußweg – und teilt sich am Hauptbahnhof in die Annenstraße und die Keplerstraße. Die Annenstraße, in der zwar kein Radweg verläuft, wo der Autoverkehr aber stark reduziert wurde, ist quasi das Tor in die Innenstadt. Über die Keplerstraße kann man die vielen Verzweigungen und Fahrverbote der Altstadt umgehen und gelangt über die Wickenburggasse, vorbei an der Uni, Richtung Mariatrost.

Abgesehen von diesen Hauptadern gibt es noch eine Reihe weiterer Radwege, meistens jedoch teilt man sich die Straße mit Autofahrern, was in Graz in großen Teilen ganz gut klappt. Hier ist selbstverständlich Achtsamkeit geboten, die Grazer Autofahrer sind aber zumindest an Radfahrer gewöhnt. Einige Stellen können aber etwas verzwickt sein.

Tricky – Potential in der Radinfrastruktur
Allgemein sollte man die großen Durchzugstraßen meiden. Meistens gibt’s  hier Alternativen durch weniger befahrene Straßen, mit weniger Ampeln, wo man meist schneller vorankommt. Wer trotzdem die großen Straßen benutzt, sollte sich seinen Platz nehmen, um Gefahrensituationen zu verringern. Einige Gegenden und Routen in Graz sind aber besonders kniffelig und verdienen eine eigene Würdigung:

Joanneumsring: lange wurde  ein Radweg gefordert, passiert ist noch nichts. Wenn man weiß wie, ist die Strecke aber leicht zu umgehen (übers Eiserne Tor und die Stubenberggasse), wenn dadurch auch die Geschwindigkeit ein bisschen auf der Strecke bleibt. Freilich kann man trotzdem mit dem Rad fahren, nur seinen Platz sollte man sich auch hier nehmen.

Griesplatz – Jakominiplatz: Nur mit großen Umwegen fahrbar, denn hier muss man dem Einbahnsystem der Autos folgen. Leider fehlt hier eine ordentliche Verbindung für Radfahrer. Dies ist aber ohnehin bezeichnend, denn der Griesplatz ist ein verkehrstechnisches Stiefkind und eigentlich nur ein Knotenpunkt für Autofahrerinnen.

Viele Straßen und Gassen der Altstadt sind Fußgängerzone. Wer durch die Innenstadt mit dem Rad fährt, sollte die Augen offen halten, wo das Fahren erlaubt ist. Gerade im Sommer wird dies von den Grazer „Bikecops“ kontrolliert.

Für den Stadtpark gilt dasselbe: Nur der Ring um den Stadtpark und die Strecken entlang der Autostraßen dürfen mit dem Rad befahren werden. Im Frühling und Sommer kontrollieren dies im Stadtpark die Grazer Ordnungswächter. (Zum Umgang mit der Ordnungswache siehe diese Information von Recht Kritisch.)

Kommt Zeit kommt Rad

Mit dieser kurzen Anleitung seid ihr in Graz schon gut unterwegs. Schaut in der Fahrradküche oder beim „Culture Exchange“ vorbei. Fahrt bei der Critical Mass mit oder versucht euch im Bike Polo und Altbaukriterium. Es wird sicher eine lohnende Erfahrung gewesen sein. Wer viel fährt und Graz auf eigene Faust erkundet, wird vielfach belohnt werden. Schließlich gilt: Kommt Zeit kommt Rat. Die besten Abkürzungen, Schleichwege oder besten Routen muss sich jede(r) selbst erradeln.

Foto © Bike Citizens

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