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Klimafreundlich nach Spanien: Per Zug und Rad über alle Berge – Teil 2

Martin_C_Roos_RadelnderReporter-Berlin-Mauer-Gedenkstaette
Freier Autor, RadelnderReporter, Dozent für Wissensthemen, Fahrrad-Guide. Arbeitet seit 1997 freiberuflich für Internetmedien und Tageszeitungen wie SZ und WELT. Vorzugsweise als RadelnderReporter, mit dem Fahrrad als liebstem Recherche-Vehikel.

Am 20. Dezember: Start an der Elbe

Die Radreservierung in der Tasche radelte ich in der Woche vor Weihnachten dick eingemummelt zum Bahnhof unweit von Hamburgs Elbe. Im Rucksack steckten Thermoskanne, Daunenklamotten und zwei zusätzliche Handschuhpaare. Denn erstens lautete die Prognose auf Kälteeinbruch in Belgien. Zweitens wappnete ich mich mit Handschuhen gegen Sturzverletzungen. Was einer gewissen Borniertheit meinerseits geschuldet ist, die ich gerne als Leidenschaft von reiner Idiotie abhebe: Zum Reisevehikel hatte ich mein Rennrad gekürt: ohne Schutzbleche und mit nur 23 Millimeter breiten Reifen; „immerhin haben sie Reflektorstreifen“, tröstete ich mich selbst über mulmig stimmende Vorahnungen hinweg.

Tropisches Klima im Intercity

Sich klamottentechnisch auf winterliches Radfahren einzustellen, gehörte 2021 in Holstein bis Mai zur Trainingsroutine. Kurz vor Weihnachten mit der Deutschen Bahn gen Niederlande unterwegs, fühlte ich mich herausgefordert von der Frage: Wie, in Winterkluft, ein 30 Grad Celsius heißes IC-Abteil überleben?
Ich könnte den Waggon wechseln – mein Fahrrad lieber nicht, der Sicherheit wegen. Denn einmal jenseits der deutschen Grenze, warnte das niederländische Zugteam dreisprachig vor Dieben auf der Amsterdamstrecke.
So blieb ich in den Tropen, entledigte mich dafür einer Schicht nach der anderen. Die verbleibende Bahnstunde kauerte ich verschämt, weil barfuß und in Radunterwäsche, neben meinem Vehikel, das unterm Waggondach in einer Halte-Liane schaukelte.

In der geographischen Mitte der Niederlande, in Amersfoort, erwachten die Lebensgeister. Statt Tropenklima war kalter Nieselregen angesagt.

Seit je her galten die Niederlande sicher nicht des Wetters wegen Fahrradparadies, sondern weil das Nachbarland im großen Stil jenes im Überfluss hat, was in Deutschland weitgehend fehlt: Richtig breite Radwege, die gegenüber den Kraftfahrspuren zudem häufig Vorrang besitzen. Speziell von Amersfoort gehen mehrere Fahrrad-Schnellwege aus. Westwärts fuhr ich so gen Utrecht.
Europas „Nummer 3“ in Sachen Radverkehr

Durchfeuchtet, aber entspannt radelte ich in eine von Europas Vorzeigestädten in Sachen Radverkehr. Um Utrechts Infrastruktur näher zu erkunden, war der Tag zu weit fortgeschritten. Allemal kannte ich manches Manifest des Radfahr-Fortschritts aus den Medien.
Neu war für mich, was ich hinter Utrecht im Einzugsbereich rekordverdächtiger Weihnachtsbeleuchtung und bestürzend hoher Covid-Inzidenzen zu konstatieren hatte:

• Echte Nachtfahrten lassen sich hier kaum machen. Die fast immerwährende Beleuchtung außerhalb von Ortschaften zeugt davon, wie dicht die Niederlande besiedelt sind.

• Regelwidriges Masken-Verweigern sieht man in den Niederlanden zuhauf. Was mir zu Etappenende an meiner Unterkunft besonders übel aufstößt: In der winzigen Rezeption palavert und hustet die Diensthabende unverhüllt – betont aber eindringlich die Vorschriften für mich als Gast.

• Wer darauf baut, dass Zimmermaße an der durchschnittlichen Körpergröße der Niederländer·innen ausgerichtet sind, kennt Nieuwlands Camping-Kabinen nicht (Foto unten): Obwohl für bis zu vier Personen ausgelegt, sind die Kabinen klaustrophobisch eng wie Nightjet-Abteile der Österreichischen Bundesbahn. Die Betten messen nur 185 Zentimeter.

Heiligabend in Spanien: Gedanken aus dem Pyrenäen-Zug

Diese meine erste Zug- und Radfahrt in den Niederlanden habe ich im Kopf, als ich in der spanischen Bahn meine letzte Bahnreise bestreite. Mehrmals nicke ich ein auf der Pyrenäenstrecke unterhalb von Canfranc. Fast zwei Stunden lang fährt die spanische Regionalbahn so langsam und schaukelnd, dass ich mich nicht in einem Waggon, sondern in einer Wiege wähne. Bis ins historische Herz der mittelalterlichen Grafschaft Aragón, bis an den Südrand der heutigen Mark mit dem Hauptort Jaca habe ich Zug 15645 für mich allein.
Erst hatte die Begleiterin dafür gesorgt, dass ich den Zug nicht verpasse. Nach einer Weile dimmte sie für mich die Beleuchtung im Großraumabteil herunter und stoppte die repetitiven Covid-Sicherheitsansagen. Ich fühle mich fürstlich umsorgt. Und gewürdigt allein aus der Tatsache heraus, dass die streng wirkende, dann aber so „unstrenge“ Person überhaupt Notiz von meinem Fahrschein genommen hat.

Den 21. und 22. Dezember forderte mich die Kälte heraus

Dass mir diese Art von Fahrgast-Würdigung auf den Belgischen Chemins de Fer fehlte, empfand ich als besonders bitter. Denn wie hatte ich mich doch im Vorfeld der Reise für ein belgisches Intercity-Ticket abgekämpft!
Für Belgien, so glaubte ich, brauchte es die DB-geschulte Gründlichkeit: Ohne Vorabbuchung, so meine Vorstellung, würde ich kurz vor Weihnachten sicher nicht mit einem IC fast das gesamte Land von Nord nach Süd queren können – zumal über Brüssel. Umso überraschter bin ich, als ich am dritten Reisetag – Papierausdrucke von Personen- und Fahrrad-Ticket in der Tasche – rund zwei Dutzend Radstellplätze im Waggon frei und für mich hatte. Kein anderer Mensch mit Zweirad reiste an diesem Mittwoch mitten durch Belgien. Dabei hielt jener Intercity in drei der fünf größten Städte das Landes.

Interaktive Karte zur Elbe-Ebro-Route

Streckenabschnitte, auf denen ich per Bahn unterwegs war, sind mit einem schematischen „Gleis“ markiert. Wo ich per Rad fuhr – insgesamt knapp 400 Kilometer in vier Ländern –, dort klebt auf der Karte das breitere „Fahrrad-Band“.

1 Südholland (NL) – Waal der Qual: So beeindruckend Fahrt über und Ausblick auf den größten Wasserstrom im Rhein-Maas-Delta ist, so bestialisch tost brückenmittig der Verkehr auf der A27.
2 Brabant (NL) – endlich Farbe zu trister Jahreszeit! Breda hat sich seit 2015 zu einem Mekka für Streetart-Künstler entwickelt. Vor knapp 500 Jahren lebt Spanien hier seine ulitmativen Weltmachtgelüste aus (Papst Urban ergötzt sich an diesem Sieg des Katholizismus).
3 Flandern (BE) – minus 6 Grad Celsius um 6 Uhr morgens: Angesichts der Witterung fällt gen Antwerpen die Vehikel-Wahl auf die Eisenbahn – nicht auf’s Fahrrad, das dem Reporter wegen der Bahnfahrt eine unangenehme Überraschung bereitet (siehe Abschnitt „Streik“, unten).
4 Wallonien (BE) – Auftakt zum vierten Land der Elbe-Ebro-Traverse: Den Grenzübergang zu Frankreich auf dem einstigen Treidelpfad an der Sambre zu erreichen ist angesichts des tiefgefrorenen, festen Untergrunds die bessere Entscheidung. Denn wegen kaputten Straßenbelags entpuppen sich Abschnitte der gefahrenen Wallonie-Route als brutale Holperstrecke für den Rennradler.
5 Paris – Den Arc de Triomphe auf dem Landweg erreicht zu haben, feiert der Reporter als kleinen privaten Triumph.
6 Aquitanien (FR) – schaurig-schöne Mischung: Abendsonne bereitet auf den Altgrashängen eine warme, heimelige Stimmung, bald jedoch wird über den schroffen Pyrenäengipfeln die Dunkelheit hereinbrechen.
7 Huesca-Provinz (ES) – erschöpft innehalten in einem bewegenden Moment: Nach rund 1.500 Reisekilometern per Bahn und Rad erreicht der Reporter sein Zielland, nachts oben auf einer Pyrenäen-Passhöhe.
8 Aragonien-Hauptstadt Zaragoza (ES) – der Ebro, das Ziel! Erleichterung angesichts der „Puente del Tercer Milenio“, der Brücke des dritten Jahrtausends, unter der die Ebrowasser ruhig, unter kaltem Nebel, gen Mittelmeer fließen.

Ich fuhr durch Brabant und die Wallonie

Vor Ankunft in Nordbelgien radelte ich über Rheinarme und durchs bald wieder bebende Brabant: Dort wird man rund 500 Jahre nach der berühmten Breda-Schlacht diesen August wieder unter spanischer Ägide kämpfen. Allerdings nicht mit Eisen-Helmen und -Hellebarden, sondern mit Koroydhelmen und Karbonrahmen: Die traditionsreiche Spanienrundfahrt namens Vuelta beginnt heuer in den Niederlanden; die dritte Etappe führt durch Brabant.
Endlich Farbe zu trister Jahreszeit: Breda hat sich seit 2015 zu einem Mekka für Streetart-Künstler entwickelt. Vor knapp 500 Jahren lebt Spanien hier ultmative Weltmachtgelüste aus. Von Brabant gelangte ich am zweiten Reisetag frostfrei in den Norden Belgiens. Doch nach Mitternacht schob sich vom nahen Ärmelkanal her eisige Kälte übers Land. Mit beklemmenden Konsequenzen, was Fahrrad und Routenführung anbelangte. Denn auf den gut geheizten Intercity in Belgiens Süden folgte ein Temperaturschock – weniger für meinen Körper, als für zwei wichtige Schrittmacher.

Streik am 22. Dezember

Erst streikte meine Gangschaltung, dann noch das Smartphone. Das Schaltungsproblem trat wohl auf, weil im 24 Grad Celsius warmen Zug etwas Wasser innerhalb der Ummantelung der Schaltungszüge kondensierte. Die minus 6 Grad kalte Luft nach dem Ausstieg in Charleroi Sud ließ dieses Wasser gefrieren.
So musste ich mich zwischen den Pedalen mit dem ganz großen Kettenblatt begnügen – kein Vergnügen ausgerechnet hinauf zum ersten Radfahr-Höhepunkt meiner Reise, dem Col del Landelies! Ich fühlte mich dem Hitzekollaps nah, nachdem ich die knapp hundert Höhenmeter zum „Col“ in Daunenjacke hinaufgeastet war.

Straßen hatten umso mehr Löcher und Risse, je näher ich dem Ende Belgiens kam. Kurz vor Merbes-le-Château (Tour-de-France-Etappe im Juli 2022) nahm ich die asphaltlose, des Frosts wegen aber harte und ebene einstige Treidelstrecke an der Sambre.
Erreichte Frankreich; und kurz vor Mittag, eben noch so, den Regionalzug in Maubeuge.

An Heiligabend zum Ebro: Der Canfranc-Bummelzug füllt sich

In Zug 15645, der meine Reise nach fünf Tagen abrundet, endet die sanfte und einsame Schaukelei hinter Jaca. Die Bahn ruckelt jetzt hektischer, fährt wohl schneller. Aber weil das Land draußen noch immer im Finstern steckt, liefert es keine Anhaltspunkte für diese Vermutung.
Müde blicke ich drinnen im Abteil umher, das sich in Jaca gefüllt hat mit überwiegend jungen Menschen. Sie haben ihre Rollköfferchen anständig auf dem Gepäckboard über den Sitzen verstaut und tragen ausnahmslos FFP2-Masken.

Den 22. und 23. Dezember durch Frankreich

Ganz anders in meinem ersten Regionalzug in Frankreich. Dort setzte ein Drittel der Bahnpassagiere nur auf OP-Masken; die meisten trugen diese zudem mehr schlecht als recht im Gesicht sitzend. Und circa ein weiteres Drittel hatte gar nichts vor Mund und Nase. Das machte mich kirre. Denn schon in Hochinzidenz-Holland begegnete ich vielen Maskenverweigernden. Frankreich jedoch stand in Sachen Corona-Durchseuchung dem zuvor durchradelten Südholland zahlenmäßig kaum nach.
Pandemie-bewusst mied ich unterwegs intensive Gespräche und konnte es deshalb nicht belegen, aber mein Gefühl war: Schutzmaßnahmen werden in den traditionell protestantischen Niederlanden eher bewusst und aus Protest vernachlässigt. Im tendenziell laizistisch-katholischen Frankreich geben vielleicht eher Nachlässigkeit und Lebenslust den Ausschlag.
Laissez-faire und Savoir-vivre hatten für mich aber auch Positives, Ansteckendes – zumal in der Lichterstadt namens Paris!

Paris erlebte in den letzten Tagen vor Weihnachten seine erste intensive Kältewelle. Wobei mich in Paris weniger das meteorologische Klima interessierte als das Radfahr-Klima. Denn seit Ana María Hidalgo vor acht Jahren Bürgermeisterin wurde, mutierte die im Autoverkehr erstickende Monsterstadt zum Vorbild für die großangelegte Verkehrswende.

Nachdem ich Jahrzehnte nicht mehr dort gewesen war, machte ich mich im Herbst schlau, wie „Fahrrad-Paris“ tickte. Und hatte mir elektronisch eine Radroute erstellt, die mir jetzt an der Gare du Nord angesichts der Fülle sogenannter Highlights eine Gänsehaut provozierte, obwohl ich in wärmender Sonne stand.

République-Platz – Bastille – Flanier- und Gastro-Meile Rue de Rivoli – Sankt-Jakob-Kirchenruine – Pont Neuf – gigantischer, seit Ende 2021 autobefreiter Tuileren-Tunnel – Louvre – Jardin des Tulières – Place de la Concorde – gleichnamige Pont mit Eifelturmblick – Champs Élysée.

Worte schwurbelten reinen Reiseführer-Kitsch, wollte ich das Feuerwerk an Eindrücken beschreiben, dass ich entlang dieser nur 8.000 Meter erlebte – gefühlt als eine Ewigkeit, aber real in kaum einer Stunde per Fahrrad. Aber nicht deswegen überkam mich am Arc de Triomphe erneut die Gänsehaut, sondern weil mir bewusstwurde: „Allein für diese eine Stunde Paris hätte es sich gelohnt, auf den 800 Kilometern von der Elbe bis zur Seine geatmet, gestrampelt und in Zügen gesessen zu haben.“

Als der Dezembernachmittag in Paris einer Eisnacht zu weichen begann, wandte ich mich ab vom Touri-Magnet Triomphe und meinem privaten „Fahr-Triumph“. In den vorangegangenen drei Tagen hatte ich Radfahr- und Übernachtungs-Pläne nur bis zum belgisch-französischen Grenzfluss Sambre geschmiedet – nicht jedoch bis zur Seine.Wo ich in Paris und tags drauf in den Pyrenäen übernachten würde: Darum musste ich mich schleunigst kümmern. Denn in 16 Stunden würde ich an der Gare du Montparnasse stehen, um meinen TGV mit dem vorreservierten Radstellplatz zu nehmen.

Als 54-Jähriger in die Jugendherberge

Wie zu erwarten, spuckte die Hotel-App nur weit ins Dreistellige reichende Optionen aus. Paris galt nach Genf als zweitteuerste Stadt, was Übernachtungen anbelangt. Deswegen hatte ich ein Zauberkärtchen dabei, darauf zu lesen „Jugendherbergswerk“. Das Kärtchen berechtigte mich zum sogenannten Hostelling International.
Nicht dass ich „DJH-Fan“ wäre; im Gegenteil: von meiner ersten Radreise vor vierzig Jahren, im Alter von 14, erinnerte ich nie zur Ruhe kommenden Schlafsäle, Abwasch- und Tischräum-Pflichten sowie Waschgelegenheiten ohne Warmwasser (Foto am Beitragsende).
Dieses Jahr hatte ich, des Sohnes wegen, einen JH-Neubeginn gewagt. Der mir in Paris zugutekam: Als ich fünf Radkilometer östlich des Triumphbogens an einer Auberge de Jeunesse vorstellig wurde, bekam ich für 65,72 Euro nicht nur freundlichen Empfang, Radstellplatz und Küchenzugang, sondern: ein Einzelzimmer – mit Waschbecken und Dusche!

Heiligabend an den Ebro: Sonnige Erinnerungen, verregnete Zugfahrt durchs Sehnsuchtsland

Säße ich mit den Erinnerungen ans Paris von vor zwei Tagen jetzt nicht drinnen im Zug, sondern im Radsattel, wäre ich draußen pudelnass. Nass wie ein Gran Pirineo sollte ich sagen, denn mein Zug aus Canfranc eilt durch ein völlig verregnetes Pyrenäenvorland.
Um 9 Uhr graut der Morgen. Er trägt tristes Grau; was Nebel, was Wolken sind, bleibt im Dunkeln. Statt in Huesca könnte ich zu Hause in Holstein sein, erspähte ich zwischen den braunen, kargen Feldern nicht hin und wieder eines der immergrünen Markenzeichen Iberiens: Steineichen.

Westlich des Weilers Tardienta bin ich an diesem Noche Buena-Morgen Zeuge eines Volkssports spanischer Best-Ager: Walking an der Landstraße. Was zu Hause in Deutschland eher verpönt wäre (Menschen in Deutschland sind eher Gelände-affin), ist in Spanien Alltag. Spanien hat zwar sehr gute Extrem-Bergsteigerinnen, -Radfahrer und -Crossläuferinnen. Aber die machen auch nur einen winzig kleinen Teil der Bevölkerung aus.
Der im Vergleich zu Spanien stärker ausgeprägten „deutschen Fettleibigkeit“ käme mehr jenes peripatetischen Stoizismus zugute, den diese acht Leuchtwesten unweit der Gleise hinter Tardienta auf schnurgeradem Asphalt an den anbrechenden Tag legen. Aus neun Jahren Spanien weiß ich: Diese südeuropäische Variante von Nordic Walking praktizieren Eingefleischte jeden Tag. Zumal es ein Sport ist, bei dem es sich ausgiebig schwatzen lässt. Eine Tätigkeit, die mir auf dieser Reise – von Deutschlands vierter in Spaniens sechste Pandemie-Welle – ziemlich abgegangen ist.

23. Dezember: Als ich in die Pyrenäen fuhr

Die meisten Gesprächskontakte pro Zeiteinheit hatte ich tags zuvor auf der rund vierstündigen Fahrt im TGV, der mich und Fahrrad von Paris auf die Nordseite der Pyrenäen brachte. Es waren eher unangenehme Wortwechsel, meiner Zugaktivitäten wegen – wo ich doch durchs Paris-Malheur allemal schon in Wallung war.

Ich hätte mir in der Pariser Jugendherberge nicht den Wecker auf 6 Uhr stellen müssen. Aber rein aus Übermut wollte ich den Parforceritt des „Highlight-Parcours“ vom Vortag noch mit Sacré-Cœur und Eifelturm krönen. Die Basilika mit Montmartres legendärem Stadtblick nahm ich noch mit – Eifelturm musste ausfallen, eines Plattfußes am Hinterrad wegen.

Der poröse Mantel lohnte das Schlauchwechseln kaum, entschied ich und entschloss – eine Stunde nur vor Abfahrt meines TGV –, ein Radgeschäft zu googeln und aufzusuchen, dass zu früher Stunde bereits öffnete.

Reifenwechsel im Hochgeschwindigkeits-Zug

Froh, aber gehetzt traf ich mit authentischem Michelin am Montparnasse-Bahnhof ein, schlängelte mich durch weihnachtlichen Reisetrubel und die Zugangskontrolle in Sachen Impfstatus. Im ausgebuchten TGV schlug mir Empörung entgegen, wie als reiste ich in Deutschland: bloß weil ich das Rad auf dem vorhergesehen Stellplatz deponierte – den manche Reisende lieber für Koffer und Taschen in Anspruch nahmen. Dass ich zwischen Paris und Bordeaux eine aufwändige Radreparatur startete, verleitete zwei Reisende zu lautstarken Kommentaren. Sie perlten an mir ab wie aufgewirbelter Sand einer rauen Piste, denn um den Sermon zu verstehen, reichte mein Französisch nicht.

Dunkelfahrt quer durchs Gebirge

Schummrig hell war die Passstraße von beidseitigem Schnee, ich fuhr ab und an ohne Beleuchtung, um im eisklaren Himmel zu den Sternen zu starren. Gefahr drohte höchstens von Eis- und Steinbrocken – nicht von Autos zu dieser Nachtzeit. Denn die wenigen Kraftfahrzeuge, die des Nachts die Grenze passierten, nahmen wohl den acht Kilometer langen Somporttunnel. Die alte Passstraße, die sieben Kilometer vor dem Höhepunkt in etlichen Serpentinen im Vorfeld des Tunnels abzweigte, brauchte im Anflug der „Stunde null“ von Heiligabend niemand. Dieser Niemand war ich, der mich nur ein Unglück abhalten konnte, das letzte zyklopische Hindernis meiner Westeuropa-Odyssee zu meistern.
Oben, zwischen den Somport-Schneewänden, schwitzte und fror ich zu gleicher Zeit. Die Anstrengung. Die Aufregung und Genugtuung: Per Rad reiste ich, mitten in den Pyrenäen, mitten im meteorologischen Winter, nach Spanien ein. Noch zehn Minuten Abfahrt und ich war im Etappenziel namens Canfranc.

 

24. Dezember: Mein Canfranc-Zug erreicht das Ziel

Vor vier Stunden in Canfranc per Zug losgefahren, döse ich kurz vor Zaragoza endgültig ein. „¡Ya estamos en Delicias!“, reißt mich die Zugbegleiterin aus dem Schlaf. Mit Wonne geweckt zu werden, ist völlig okay. Denn als Wonne oder Köstlichkeit übersetzt sich das spanische delicia – Zaragoza Delicias heißt ganz offiziell der Kopfbahnhof am westlichen Stadtrand.

Die zentral gelegenen Goya oder Miraflores – so die Namen weiterer Zaragoza-Bahnhöfe – wären mir lieber gewesen. Aber die elektronische Karte zeigt: Delicias liegt nah am Strom, nah an der „Brücke des Dritten Jahrtausends“. Sie überspannt den Ebro. Die Elbe von vor fünf Tagen vor dem geistigen Auge, radle ich hektisch zum vernebelten Fluss. Ich bin in meiner temporären Heimat von einst, aus der mich Flugzeuge vielleicht zwanzigmal in die Ferne brachten – zwanzigmal wieder zurück. Heute bin ich auf dem Landweg gekommen, heute weiß ich: Fernreisen per Fahrrad und Eisenbahn sind für mich selbst im Winter eine Option. Wird es unterwegs unangenehm, tröstet mich das Bewusstsein, auf einem richtigen, weil klimaschonenden Weg zu sein. Wenn ich nebenbei noch dem Charme großartiger Städte und einsamer Natur erliege, ist das die wohl schönste Nebenwirkung einer Reise.

Dieser Beitrag erschien vorab im Magazin von Bike Citizens.

Martin_C_Roos_RadelnderReporter-Berlin-Mauer-Gedenkstaette
Freier Autor, RadelnderReporter, Dozent für Wissensthemen, Fahrrad-Guide. Arbeitet seit 1997 freiberuflich für Internetmedien und Tageszeitungen wie SZ und WELT. Vorzugsweise als RadelnderReporter, mit dem Fahrrad als liebstem Recherche-Vehikel.
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